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platz16x16.gif (55 Byte)Erzählungen aus dem Chaco

 

Katkin Awaj, der alte Häuptling
eine Geschichte von
Peter P. Klassen aus "Immer kreisen die Geier"
in leicht gekürzter Fassung

Zwei Männer stützten den alten Häuptling und führten ihn in die Kirche. Geblendet von dem Wechsel aus dem grellen Sonnenlicht in das Halbdunkel des Raumes tappte er unsicher nach vorn. Die Fensterläden an der Nordseite waren geschlossen, denn der Wind nahm an Stärke zu, und der Staub war lästig. Die Kinder und die jungen Leute, die vorn auf den Bänken sassen, drehten sich um und nickten ihm zu.

Katkin Awaj, Roter Federschmuck, hatten sie ihn damals genannt, als er die jungen Männer zum Tanze anführte. Sie hatten Caya gefeiert, das Fest des Algarrobobiers, und der Federschmuck, den er dabei trug, war schöner gewesen als der aller andern. Viele Tage vor dem Fest hatten die Frauen daran gearbeitet, für ihn, den Häuptling, den grössten und stärksten der jungen Männer.

Seine Mutter hatte das Garn dafür aus Baumwolle gesponnen, mit ihrer Handspindel, und es war dünn und fest geworden. Dann hatte die Grossmutter es rot gefärbt, und sie wusste, wie man es machte. Wochenlang hatten alle Frauen und Mädchen der Sippe den Opuntienkaktus der Umgebung abgesucht und Poklin gesammelt, die Schildläuse in dem weissen Gespinst. Als sie schliesslich eine kleine Handvoll beisammen hatten, wurden sie gekocht, und in dem roten Sud hatte die Grossmutter das Garn gefärbt. Dann hatte die Mutter das Stirnband gewebt, so glatt und ebenmässig wie sonst selten. Schön dunkel war das Band geworden, röter als von der Rinde des Kiltik, des Strauches mit den grünen Kirschen, die sonst zur Rotfärbung diente.

Dann hatten die Frauen die glänzend weissen Plättchen aufgenäht, die sie in mühsamer Arbeit aus den grossen Muscheln hergestellt hatten, alle gleich gross und in der Mitte durchbohrt. Das weisse Muster hatte auf dem roten Band geglänzt, wenn die Sonne darauf schien.

Doch am schönsten waren die Flamingofedern, die die Männer weither von den grossen Lagunen gebracht hatten. Die Frauen hatten nur die ganz roten ausgesucht und jede einzeln fest in das Band genäht.

Als er, der Häuptling, dann mit dem herrlichen Federschmuck tanzte, standen alle da und staunten, die Frauen und Mädchen und alle Gäste von der Nachbarsippe, und dann hatten sie ihn Katkin Away genannt.

Nichts mehr war von Katkin Away, das an jene Zeit erinnerte, die ihm den Namen verehrt hatte. Die Kinder kannten keinen Federschmuck, und sie dachten an keinen, wenn sie seinen Namen nannten. Katkin Away kreuzte die nackten Füsse im Staub des Fussbodens und lächelte. Auch er dachte wohl selten an die Bedeutung seines Namens. Zu fern waren jene Zeiten, zu viel hatte sich gewandelt für ihn.

Die jungen Leute standen auf, gruppierten sich vorn und sangen ein Lied. Mit einer Harfe und zwei Gitarren spielten sie dazu. Katkin Away verstand kein Wort, denn sie sangen in spanisch. Doch er hörte es gern, und manchmal sangen sie auch in ihrer Sprache. – Die Flöte aus Bambusrohr, die Trommel aus dem jungen Stamm eines Flaschenbaumes, so fern waren jene Klänge, so fern.

Da stand Kintem, der Prediger, auf. Er ging hinter das Rednerpult, das auf dem Tisch stand. Kintem, der, mit dem gebrochenen Bein, hatten sie ihn genannt. Er war der Sohn des Häuptlings von der Nachbarsippe. Auch das war lange her. Er war vom Baum gestürzt, als er Honig suchte, und dabei hatte er sich das Bein gebrochen. Damals hatten sie schon nahe beim Dorf der Lenkos, der Weissen, gewohnt, die vom Sonnenaufgang hergekommen waren. Eine Frau der Weissen war gekommen und hatte sein Bein geschient. Kintem hatte lange in der Grashütte gelegen, bis er wieder gehen konnte. Man merkte nichts mehr von dem gebrochenen Bein, nur der Name war geblieben.

Kintem, der Prediger, hatte ein weisses Hemd an und eine Krawatte. Er setzte sich die Brille auf und las aus der Bibel, langsam, jedes Wort, wie er es mit dem Finger zeigte. Er las die Geschichte von Jesus, der den Menschen Brot und Fische zu essen gibt. Dann nahm er die Brille wieder ab und sprach, langsam in kurzen Sätzen:

"Jesus war ein guter Mann. Jesus liebt uns alle. Er liebt die Lengua. Jesus war nie böse. Er rauchte nicht, er trank nicht, er tanzte nicht. Wir hatten früher ein böses Leben. Wir haben geraucht, wir haben getrunken, wir haben getanzt. Oft hatten wir grossen Hunger. Oft hatten wir kein Wasser. Es war eine böse Zeit. Der Missionar ist gekommen und hat uns von Jesus erzählt. Nun wollen wir gute Menschen sein. Jesus gab den Menschen Brot, und er gab ihnen Fische. Wir lesen es in der Bibel."

Katkin Awaj hörte es gerne, wenn Kintem von Jesus sprach, Kintem, der Sohn des Häuptlings von der Nachbarsippe. Die Bolivianer hatten jenen Häuptling erschossen, damals im grossen Krieg. Es war eine schlimme Zeit gewesen für die Lengua. Alle waren sie tief in den Busch geflüchtet, und sie hatten dicke Bündel von Kriegspfeilen gemacht. Überall zogen Soldaten durch den Busch, die Bolivianer in gelben, die Paraguayer in grünen Kleidern. Wenn sie einen Lengua fanden, zwangen sie ihn, sie auf versteckten Pfaden durch den Busch zu führen. Wer sich weigerte, wurde erschossen, und wer dann in die Hände der anderen fiel, wurde als Spion erschossen. So war es dem Vater von Kintem ergangen. Er hatte die Paraguayer geführt, und die Bolivianer hatten ihn erschossen.
Dann sang die ganze Gemeinde. Auch Katkin Awaj summte leise mit und lächelte, denn er kannte die Melodie seit langem. So hatte der gute Missionar es sie gelehrt. Zuerst hatte er unter einem grossen Flaschenbaum zu ihnen gesprochen. Sie hatten noch keine Kirche und die Lengua wohnten in ihren Grashütten an Rande des Busches. In ihrer Sprache hatte der Missionar von Jesus erzählt, von dem guten Mann, der nie böse wurde, und von den Menschen hatte er gesprochen, die Böses tun.

Katkin Awaj wollte nicht mehr böse sein, Er wollte nicht mehr trinken, und er wollte nicht mehr tanzen. Er hatte seinen roten Federschmuck aus der Grashütte geholt, damals, und er hatte ihn dem Missionar gegeben. Das war lange her. Der Missionar hatte den Federschmuck genommen und ihm die Hand gereicht.

Das Lied war zu Ende, und Kintem betete, so wie der Missionar es gemacht hatte, und dann gingen alle hinaus.

(Fortsetzung rechts oben)

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(Fortsetzung und Schluss)

Der Gottesdienst war zu Ende und Katkin Awaj, der alte Häuptling, ging langsam die Dorfstrasse entlang zu seiner Hütte. Sie hatten ein Dorf wie die Lenkos, die Weissen, eine breite Strasse, an jeder Seite ein Zaun und dahinter die Hütten. Er ging langsam durch das hohe Unkraut am Zaun entlang, wo ein schmaler Pfad ausgetreten war. Man müsse das Unkraut jäten, hatte Juan, der Lenko gesagt, der immer kam, um sie zu beraten. Man müsse den Zaun ausbessern, damit die Kühe nicht in die Süsskartoffeln kämen, man müsse die Hütten ausbessern, damit es nicht durchregnete, man müsse pflügen, damit man Baumwolle pflanzen könne, man müsse die Pferde füttern, damit sie den Pflug ziehen könnten, man müsse den Wagen schmieren, damit die Räder nicht ausleierten. All das hatte Juan gesagt, immer wieder hatte er es gesagt.

Alle wohnten sie jetzt in diesem Dorf, die ganze Sippe, schon viele Jahre, und Juan, der Berater sagte, was sie tun müssten. Alle waren hierher gekommen, zu den grossen Kämpen an der Gürteltierlagune, alle Sippen der Lengua und ihre Häuptlinge: die vom Hochkamp, die von der Salzschlucht, die aus dem Busch, die aus der Algarrobogegend. Auch die Chulupí vom grossen Fluss weit im Süden waren hergezogen. Keine Sippe zog mehr von Ort zu Ort, um die Wasserstellen zu suchen und dort neue Grashütten zu bauen. Ein jeder hatte seine Hofstelle und seine Hütte, wie die Lenkos. Der Missionar hatte gesagt, es wäre gut so, und Katkin Awaj war zufrieden.

Vor der Hütte brannte ein Feuer. Der starke Wind zerrte an den Flammen, und in dem schwarzen Topf rollte das Wasser. Katkin Awaj schaute neugierig in den Topf. Sakok Kitsik, seine Frau, kochte das Fleisch, das Francisco gestern von der Schlächterei gebracht hatte. Sakok Kitsik war stolz auf Francisco, ihren Enkel. Er war in der Schule gewesen und konnte lesen und schreiben. Jetzt hatte er ein Motorrad und auch ein Radio. Am Sonnabend fuhr er zur Schlächterei und brachte Fleisch. Nun kochte die Suppe in dem gusseisernen Topf, und seine Frau hatte Kürbisse feingeschnitten und dazugetan. Wenn es regnete, wuchsen die Kürbisse, so wie damals bei den Grashütten, als sie noch keine Pferde hatten und keine Zäune brauchten.

Sakok Kitsik lachte lustig, als Katkin Awaj an das Feuer kam und den Duft der Fleischsuppe wahrnahm. Sie lachte immer und schwatzte fröhlich mit ihrer Tochter, mit ihrem Enkel und mit ihrem Mann. Deshalb nannten sie alle immer noch Sakok Kitsik, das kleine Mädchen, obzwar ihr dünnes Haar in grauen Strähnen hing und ihre Haut schlaff und faltig war wie bei einem Leguan. So hatte Sakok Kitsik damals gelacht, als sie sich für das Fest die Wangen rot gefärbt hatte, als junges Mädchen, und so lacht sie heute, wenn sie die mageren Pferde aus dem Süsskartoffelfeld trieb.

Katkin Awaj trat in die Hütte. Dort sass Kajaik Lhayi auf dem Fell eines Spiesshirsches, alt und mürrisch und borstig und immer unzufrieden. Seine Frau war am Husten gestorben. Immer magerer war sie geworden, und dann konnte sie nicht mehr aufstehen. Viele starben am Husten. Nun sass er alleine in dieser Hütte, weil Sakok Kitsik seine Halbschwester war. Er kam selten heraus, denn das Gehen fiel ihm schwer. Wenn der Nordsturm ihm den Sand in sein pockennarbiges Gesicht warf, schlug er mit seinem Stock nach dem bösen Geist. Sie nannten ihn Kajaik Lhayi, der, der seinen Vater ermordete. Das war lange, lange her.

Kajaik Lhayi war der beste Jäger gewesen, gross und stark. Sogar den Tapir hatte er mit dem Pfeil getötet, so konnte er den Bogen spannen, und den Jaguar hatte er vom Baum getötet. Er hatte sich dabei auf den Rücken gelegt, beide Füsse gegen den Bogen gestemmt und mit beiden Händen die Sehne gespannt. Grosser Jäger hatten sie ihm damals genannt. Dann hatte er seinen Vater ermordet, auf dem grossen Fest. Er war wild geworden, hatte getobt und geschrien in seiner Trunkenheit, und als sie ihn festhalten wollten, hatte er seinem Vater einen Pfeil in den Leib geschossen. Niemand wurde sonst wild in der Trunkenheit auf den Festen. Da hatten sie den grossen Jäger Kajaik Lhayi genannt, den Vatermörder. Nun war er alt, mürrisch und unzufrieden geworden.

"Du kommst nie in die Kirche, Kajaik Lhayi," sagte Katkin Awaj, "Es ist gut dort. Die jungen Leute singen und machen Musik, und Kintem erzählt von Jesus, dem guten Mann, der niemals böse wurde."

"Ich mag die Mission nicht! Ich mag dieses Leben nicht! Warum trinken wir kein Algarrobobier mehr, warum feien wir nicht mehr Caya, warum tanzen die Männer nicht mehr wie früher mit dem Federschmuck, mit Trommeln und mit Rasseln? Unsere Kämpe sind gepflügt, unser Busch ist gerodet. Kein Tapir kommt an die Wasserstelle."

"Kintem sagt, das Rauchen ist nicht gut, und das Trinken ist nicht gut, und das Tanzen ist nicht gut. Er sagt, Jesus war ein guter Mann, Jesus wurde niemals böse."

"Ach, Jesus ist so weit," sagte Kajaik Lhayi und schaute durch das Dreieck des offenen Giebels, "weiter als die Wolken und weiter als die Flugzeuge. Wir trinken kein Bier mehr, und deshalb regnet es nicht. Wir tanzen nicht mehr, und deshalb finden wir keine Hirsche und keine Pekaris im Busch, und der Tapir kommt nicht mehr zur Wasserstelle."

Katkin Awaj schwieg und lächelte. Er wurde nie böse, blinzelte aus seinen kleinen Augen und liess Kajaik Lhayi schimpfen.

Da kam Sakok Kitsik herein, lachte und stellte den Topf mit der Brühe auf den Fussboden vor die Männer. Auch Francisco kam dazu. Katkin Awaj verteilte das Fleisch an alle zu gleichen Teilen. Er selbst behielt das kleinste Stück. Dann löffelten sie reihum die Brühe aus dem Topf.

Nach dem Essen legte Katkin Awaj sich auf die Bettstelle, die vor der Hütte unter dem Algarrobo stand. Draussen im Schatten war es angenehmer als in der Hütte. Auch Francisco kam heraus und legte sich in die Hängematte, das Radio auf den Knien. Francisco verdiente Geld. Er arbeitete im Laden, und so konnte er Batterien für sein Radio und Benzin für das Motorrad kaufen – und manchmal brachte er Fleisch mit.

Franciscos Hängematte schaukelte nach dem Rhythmus der Musik im Radio, und Katkin Awajs Gedanken verloren sich in alte Zeiten. Auch er hatte seinen Vater erschlagen, damals auf der Wanderung, als sie Wasser suchten und die Durststrecken für die Alten zu lang wurden. Mit einer Keule hatte er ihm den Schädel eingeschlagen, und dann war die Sippe weitergezogen.

Doch sie hatten ihn nicht Kajaik Lhayi genannt, wie den Grossen Jäger. Katkin Awaj war er geblieben, auch als sie keine Feste mehr feierten. Den roten Federschmuck hatte er dem guten Missionar geschenkt, damals unter dem Flaschenbaum bei den Grashütten.

Katkin Awaj schlief ein, und der warme Wind kräuselte den Sand vor seiner Bettstelle, so dass eine kleine Düne entstand.

(Ende)

 
Erzählungen aus Südamerika

 

Tante Lila
(Tía Lila) von Daniel Moyano
gekürzt von Ricardo
aus: Erzählungen aus Spanisch Amerika: Argentinien, dtv

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Kinder, heute fahren wir nach Cosquín und besuchen den Onkel Emilio. Benehmt euch anständig, nehmt nicht die Schleudern mit, erschlagt keine Schmetterlinge und stellt den Stieglitzen keine Fallen. Seid nett zu Onkel Emilio, der so lieb ist und euch Ziegenmilch geben wird, Griebenbrot und Honig aus seinen Waben. Passt gut auf, meine Lieben, seid artig und vorsichtig in dem Haus des lieben, schönen Onkel Emilio. Auf keinen Fall Vögel fangen und ihnen Nadeln in die Augen stecken, bedenkt, dass Gott euch dafür strafen und für immer erblinden lassen kann. Lernt von Onkel Emilio, der so gut ist, weil er niemals Vögel getötet noch ihnen die Augen mit Dornen ausgepickt hat. Darum ist es besser, sich anständig zu benehmen und Brunnenkresse und Pfefferminze, chañar und piquillín für Onkel Emilio zu suchen. Und selbstverständlich seinen Segen zu erbitten, ja nicht vergessen! Können wir nicht den Ball mitnehmen? Nein, bitte nicht, sagt Tante Lila, denn dann spielt und schreit ihr zu viel, das Geschrei regt Onkel Emilio auf, und ausserdem verscheucht es seine Bienen.

Gott segne euch, meine Lieben, sagt Onkel Emilio und berührt unseren Kopf. Und jetzt kommt mal mit, meine Blumen anschauen, meine Waben, mein Zicklein, meine Melonen, meine Käfige mit Stieglitzen, meine Margeritenbeete und meine Spierenstaude. Nein, danke, Onkel Emilio, wir wollen ein bisschen auf den Fussballplatz. Gut, Kinder, geht mit Gott, aber spielt nicht mit den Schwarzen, streitet euch nicht und beschimpft euch nicht. Nein, Onkel Emilio, auf keinen Fall, denn Gott ist überall und sieht uns jederzeit, und er wird von dort kommen, um über die Lebenden und die Toten zu richten.

Auf dem Fussballplatz winken wir den schwarzen Kindern in den Hütten, und die kommen hergeeilt wie Fliegenschwärme. He ihr, habt ihr keinen Ball? Wir können ein Spielchen machen. Die und einen Ball haben! Aber sie werfen uns Blicke zu, das wir nach unten schauen. Und da auf dem Boden sehen wir einen Haufen Frösche, die aus dem Bach gekommen sind, um Insekten zu suchen, und nun auf dem kleinen Fussballplatz herumspringen.

Schön daran ist, dass der Ball mithilft: er springt von selbst. Ein schön federnder Ball für gute Flugbälle. Schlecht ist, dass man den Frosch wechseln muss. Manchmal halten dich die anderen mitten im Angriff auf und sagen: Du, dieser Ball gilt nicht, siehst du nicht, wie der Ärmste aussieht? Jetzt soll dieser hier der Ball sein. Und dann streiten wir uns heftig und schreien. Kinder, um Gottes willen, was macht ihr denn da auf dem Fussballplatz, tönt Tante Lilas Stimme.

... Da kommt ein hoher Pass von Titilo. Ein kleiner Schwarzer stürmt und beabsichtigt einen Kopfstoss, doch im letzten Augenblick erinnert er sich an die Beschaffenheit des Balles und nimmt ihn mit der Brust, lässt ihn nicht auf die Erde kommen, er spielt fabelhaft, der kleine Schwarze, er stoppt den Ball mit dem Knie, kickt ihn erst leicht mit dem linken Fuss, dann mit dem rechten sehr kräftig und halb hoch. Ich bleibe fest stehen und halte ihn ohne Schwierigkeiten. Aber ich lasse ihn gleich wieder los, werfe ihn nach hinten, über den Pfosten, der Ball ist eisig, einige rufen Ecke. Wie von selbst gehe ich hin, ihn zu holen, da ertönt Titilos Stimme; er sagt, ich soll ihn lassen, er taugt nicht mehr. Und da kommt von der Ecke der andere Frosch im hohen Bogen heran, mit geöffneten Beinen, der Bauch schimmert weisslich, wie er vor dem Tor vorbeisaust...

Kinder, macht euch nicht schmutzig, sagt Tante Lila unter der Magnolie. Und kommt jetzt bald mal her, denn wir werden alle zusammen für Onkel Jacinto beten, der gestorben ist, der Ärmste.

Wir wollen nicht beten und wollen auch nicht, dass man uns noch einmal die Geschichte von Onkel Jacinto erzählt. Wir haben ihn schon vergessen. Wir wissen, dass er einen Schnurrbart hatte und einen breitkrempigen Hut trug, weil man ihn so auf dem Bild an der Wand sieht.

 

Zum Autor:

Daniel Moyano, geboren 1930 in Buenos Aires, gestorben 1992 in Madrid, hat viele Jahre seines Lebens im Innern des Landes gelebt. Früh verwaist hat er seine Kindheit bei Onkeln und Tanten in Córdoba verbracht. Hier hat er studiert, hier wurde er in Musik ausgebildet. In La Rioja war er als Journalist tätig und als Musiklehrer am Konservatorium, auch als Geiger im Kammerorchester. Seine Kurzgeschichten sind häufig von Kindheitserinnerungen bestimmt, wie auch von der damaligen politischen Lage: es war die Zeit der Militärdiktatur. 1976 war er einige Wochen inhaftiert, danach ging er mit seiner Familie nach Spanien, wo er bis zu seinem Tod lebte. Er hat an die hundert Kurzgeschichten geschrieben, die – ebenso wie die Romane – teilweise in andere Sprachen übersetzt wurden.

Aus dem Roman "Der Marsch ins Reich der Coaba" von B. Traven

Gefährliche Geschichten ...

... An den Lagerfeuern auf Reisen durch den Dschungel wurden meist solche Erzählungen vermieden. Sie wurden vielleicht gelegentlich erwähnt, aber jeder beeilte sich, rasch auf eine andere Geschichte zu kommen, die sich zugetragen hatte in Gegenden, die weiter entfernt lagen, und unter Umständen, die denen nicht so sehr ähnlich waren, unter denen sich die Männer, die am Feuer sassen, gerade befanden.

Wurden diese Geschichten an den Lagerfeuern im Dschungel erzählt, gleichfalls jene zahlreichen Geschichten, in denen Tiger Kinder und schlafende Erwachsene nachts vom erloschenen Lagerfeuer weggeschleppt hatten, so berichteten die Erzähler die Geschichten klar und eindeutig, wie sie sich wirklich zugetragen hatten. Hier schwindelte niemand, und jeder vermied es sorgfältig zu übertreiben.

Wenn aber jene Geschichten in den Ranchohäusern oder den Herrenhäusern der Fincas aufgetischt wurden, dann erlebten die Ereignisse eine Erweiterung zu ihren Gunsten. Sie wurden ausgeschmückt, aufgeblasen, geschminkt und bemalt in einer Weise, dass sich jeder fürchtete, vom Tische aufzustehen und alleine in den Garten zu gehen, um seine persönlichen Angelegenheiten zu ordnen.

.....

Am ersten Tag im Dschungel heiterte sich die Stimmung der Burschen auf. Es war grundlos. Aber auf der Reise durch diese monotonen Dschungel oder Urwälder wird die Stimmung der Menschen, ob Indianer oder Nichtindianer, beeinflusst von Dingen, die man in ihrer Eigenschaft als Einflussursache nicht wahrnimmt. Den einen Tag ist man fröhlich, und man weiss nicht warum; am nächsten Tag ist man sterbenstraurig, und man weiss nicht warum. Am Morgen ist man missmutig, am Mittag gleichgültig, am Nachmittag verärgert, am Abend gelangweilt. Den einen Tag möchte man die Welt erobern, am nächsten lästert man Gott von früh bis spät und heult ihn an, warum er Moskitos, Zecken, Beissfliegen, Flöhe, Spinnen, Sümpfe, Stacheln, Dornen, ätzende Pflanzensäfte, Steingeröll, stürzende Bäume und nicht eine einzige essbare Frucht auf tagelangen Wegen schuf.

Diese Stimmungen mögen abhängen von Temperaturschwankungen, von der heissen Feuchtigkeit und der dunklen Schwere unter dem dichten Laub, von wechselndem Luftdruck, von der unbeschreiblichen Eintönigkeit der Nahrung, von dem Stich oder dem Biss gewisser Insekten und von zehntausend anderen Dingen.

 

Zum Autor:

(Kindlers Neues Literatur Lexikon)
B. Traven war zeitlebens um die Verhüllung seiner Identität bemüht. Heute darf als gesichert gelten, dass Traven identisch ist mit dem Münchner Revolutionär Ret Marut, der von 1917 an die anarchistische Zeitschrift "Der Ziegelbrenner" herausgab, aktiv an der Münchner Räterepublik beteiligt war und sich nach deren Zusammenbruch nur durch Flucht vor der Hinrichtung retten konnte, um 1924 unter dem Namen B. Traven in Mexiko aufzutauchen.

Der literarische Stellenwert seiner Werke ist unbestritten; Travens Romane erzählen lakonisch und ohne moralische Anklage von Ausbeutung und Gewalt in der kapitalistischen Welt. Schauplätze sind Randbereiche dieser Zivilisationsform, der Dschungel, die mexikanische Sierra, die Handelsschiffe.

(Ricardo) Ich bin durch einen Arbeitskollegen auf den Schriftsteller Traven gestossen. Als erstes hat er mir "Das Totenschiff" ausgeliehen. Mit diesem Werk bin ich total auf Traven abgefahren. Leider ist dieser Dichter momentan (ich betone momentan) nicht sehr in Mode, so dass bereits einige Werke vergriffen sind. Ich bin überzeugt, dass irgendwann Traven wieder mehr an Popularität gewinnen wird. Seine Werke zeugen von einem klaren Verstand und seine, mit Ironie gezuckerte Schreibweise fasziniert mich immer wieder.

Werke:

"Trozas", "Das Totenschiff", "Die Weisse Rose", "Der Marsch ins Reich der Coaba", "Die Rebellion der Gehenkten", "Ein General kommt aus dem Dschungel", "Aslan Norval" und diverse Erzählungen wie "Der Banditendoktor" gesammelt in Meistererzählungen.

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Märchen aus Südamerika

(Aus: "Märchen der südamerikanischen Indianer" von Felix Karlinger und E. Zacherl)

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Der Ursprung des Amazonas

(Märchen der Indianer am Solimoens in Brasilien)

Vor langer Zeit war die Mondfrau mit dem Sonnengott verlobt. Fände diese Hochzeit aber statt, so würde das Ende der Welt eintreten, denn die feurige Liebe des Sonnengottes würde sie verbrennen und die Tränen der Mondfrau sie überschwemmen. So schickten sich die beiden darein, nicht zu heiraten.

Sie trennten sich, aber die Mondfrau weinte Tag und Nacht. Ihre Tränen flossen auf die Erde und bis zum Meer. So entstand der "Grosse Fluss".

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