Katkin Awaj, der alte Häuptling
eine Geschichte von Peter P. Klassen aus "Immer kreisen die Geier"
in leicht gekürzter Fassung
Zwei Männer stützten den alten
Häuptling und führten ihn in die Kirche. Geblendet von dem Wechsel aus dem grellen
Sonnenlicht in das Halbdunkel des Raumes tappte er unsicher nach vorn. Die Fensterläden
an der Nordseite waren geschlossen, denn der Wind nahm an Stärke zu, und der Staub war
lästig. Die Kinder und die jungen Leute, die vorn auf den Bänken sassen, drehten sich um
und nickten ihm zu.
Katkin Awaj, Roter Federschmuck, hatten sie
ihn damals genannt, als er die jungen Männer zum Tanze anführte. Sie hatten Caya
gefeiert, das Fest des Algarrobobiers, und der Federschmuck, den er dabei trug, war
schöner gewesen als der aller andern. Viele Tage vor dem Fest hatten die Frauen daran
gearbeitet, für ihn, den Häuptling, den grössten und stärksten der jungen Männer.
Seine Mutter hatte das Garn dafür aus
Baumwolle gesponnen, mit ihrer Handspindel, und es war dünn und fest geworden. Dann hatte
die Grossmutter es rot gefärbt, und sie wusste, wie man es machte. Wochenlang hatten alle
Frauen und Mädchen der Sippe den Opuntienkaktus der Umgebung abgesucht und Poklin
gesammelt, die Schildläuse in dem weissen Gespinst. Als sie schliesslich eine kleine
Handvoll beisammen hatten, wurden sie gekocht, und in dem roten Sud hatte die Grossmutter
das Garn gefärbt. Dann hatte die Mutter das Stirnband gewebt, so glatt und ebenmässig
wie sonst selten. Schön dunkel war das Band geworden, röter als von der Rinde des
Kiltik, des Strauches mit den grünen Kirschen, die sonst zur Rotfärbung diente.
Dann hatten die Frauen die glänzend
weissen Plättchen aufgenäht, die sie in mühsamer Arbeit aus den grossen Muscheln
hergestellt hatten, alle gleich gross und in der Mitte durchbohrt. Das weisse Muster hatte
auf dem roten Band geglänzt, wenn die Sonne darauf schien.
Doch am schönsten waren die
Flamingofedern, die die Männer weither von den grossen Lagunen gebracht hatten. Die
Frauen hatten nur die ganz roten ausgesucht und jede einzeln fest in das Band genäht.
Als er, der Häuptling, dann mit dem
herrlichen Federschmuck tanzte, standen alle da und staunten, die Frauen und Mädchen und
alle Gäste von der Nachbarsippe, und dann hatten sie ihn Katkin Away genannt.
Nichts mehr war von Katkin Away, das an
jene Zeit erinnerte, die ihm den Namen verehrt hatte. Die Kinder kannten keinen
Federschmuck, und sie dachten an keinen, wenn sie seinen Namen nannten. Katkin Away
kreuzte die nackten Füsse im Staub des Fussbodens und lächelte. Auch er dachte wohl
selten an die Bedeutung seines Namens. Zu fern waren jene Zeiten, zu viel hatte sich
gewandelt für ihn.
Die jungen Leute standen auf, gruppierten
sich vorn und sangen ein Lied. Mit einer Harfe und zwei Gitarren spielten sie dazu. Katkin
Away verstand kein Wort, denn sie sangen in spanisch. Doch er hörte es gern, und manchmal
sangen sie auch in ihrer Sprache. Die Flöte aus Bambusrohr, die Trommel aus dem
jungen Stamm eines Flaschenbaumes, so fern waren jene Klänge, so fern.
Da stand Kintem, der Prediger, auf. Er ging
hinter das Rednerpult, das auf dem Tisch stand. Kintem, der, mit dem gebrochenen Bein,
hatten sie ihn genannt. Er war der Sohn des Häuptlings von der Nachbarsippe. Auch das war
lange her. Er war vom Baum gestürzt, als er Honig suchte, und dabei hatte er sich das
Bein gebrochen. Damals hatten sie schon nahe beim Dorf der Lenkos, der Weissen, gewohnt,
die vom Sonnenaufgang hergekommen waren. Eine Frau der Weissen war gekommen und hatte sein
Bein geschient. Kintem hatte lange in der Grashütte gelegen, bis er wieder gehen konnte.
Man merkte nichts mehr von dem gebrochenen Bein, nur der Name war geblieben.
Kintem, der Prediger, hatte ein weisses
Hemd an und eine Krawatte. Er setzte sich die Brille auf und las aus der Bibel, langsam,
jedes Wort, wie er es mit dem Finger zeigte. Er las die Geschichte von Jesus, der den
Menschen Brot und Fische zu essen gibt. Dann nahm er die Brille wieder ab und sprach,
langsam in kurzen Sätzen:
"Jesus war ein guter Mann. Jesus liebt
uns alle. Er liebt die Lengua. Jesus war nie böse. Er rauchte nicht, er trank nicht, er
tanzte nicht. Wir hatten früher ein böses Leben. Wir haben geraucht, wir haben
getrunken, wir haben getanzt. Oft hatten wir grossen Hunger. Oft hatten wir kein Wasser.
Es war eine böse Zeit. Der Missionar ist gekommen und hat uns von Jesus erzählt. Nun
wollen wir gute Menschen sein. Jesus gab den Menschen Brot, und er gab ihnen Fische. Wir
lesen es in der Bibel."
Katkin Awaj hörte es gerne, wenn Kintem
von Jesus sprach, Kintem, der Sohn des Häuptlings von der Nachbarsippe. Die Bolivianer
hatten jenen Häuptling erschossen, damals im grossen Krieg. Es war eine schlimme Zeit
gewesen für die Lengua. Alle waren sie tief in den Busch geflüchtet, und sie hatten
dicke Bündel von Kriegspfeilen gemacht. Überall zogen Soldaten durch den Busch, die
Bolivianer in gelben, die Paraguayer in grünen Kleidern. Wenn sie einen Lengua fanden,
zwangen sie ihn, sie auf versteckten Pfaden durch den Busch zu führen. Wer sich weigerte,
wurde erschossen, und wer dann in die Hände der anderen fiel, wurde als Spion erschossen.
So war es dem Vater von Kintem ergangen. Er hatte die Paraguayer geführt, und die
Bolivianer hatten ihn erschossen.
Dann sang die ganze Gemeinde. Auch Katkin Awaj summte leise mit und lächelte, denn er
kannte die Melodie seit langem. So hatte der gute Missionar es sie gelehrt. Zuerst hatte
er unter einem grossen Flaschenbaum zu ihnen gesprochen. Sie hatten noch keine Kirche und
die Lengua wohnten in ihren Grashütten an Rande des Busches. In ihrer Sprache hatte der
Missionar von Jesus erzählt, von dem guten Mann, der nie böse wurde, und von den
Menschen hatte er gesprochen, die Böses tun.
Katkin Awaj wollte nicht mehr böse sein,
Er wollte nicht mehr trinken, und er wollte nicht mehr tanzen. Er hatte seinen roten
Federschmuck aus der Grashütte geholt, damals, und er hatte ihn dem Missionar gegeben.
Das war lange her. Der Missionar hatte den Federschmuck genommen und ihm die Hand
gereicht.
Das Lied war zu Ende, und Kintem betete, so
wie der Missionar es gemacht hatte, und dann gingen alle hinaus.
(Fortsetzung rechts oben)

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(Fortsetzung und Schluss)
Der Gottesdienst war zu Ende und Katkin Awaj,
der alte Häuptling, ging langsam die Dorfstrasse entlang zu seiner Hütte. Sie hatten ein
Dorf wie die Lenkos, die Weissen, eine breite Strasse, an jeder Seite ein Zaun und
dahinter die Hütten. Er ging langsam durch das hohe Unkraut am Zaun entlang, wo ein
schmaler Pfad ausgetreten war. Man müsse das Unkraut jäten, hatte Juan, der Lenko
gesagt, der immer kam, um sie zu beraten. Man müsse den Zaun ausbessern, damit die Kühe
nicht in die Süsskartoffeln kämen, man müsse die Hütten ausbessern, damit es nicht
durchregnete, man müsse pflügen, damit man Baumwolle pflanzen könne, man müsse die
Pferde füttern, damit sie den Pflug ziehen könnten, man müsse den Wagen schmieren,
damit die Räder nicht ausleierten. All das hatte Juan gesagt, immer wieder hatte er es
gesagt.
Alle wohnten sie jetzt in diesem Dorf, die
ganze Sippe, schon viele Jahre, und Juan, der Berater sagte, was sie tun müssten. Alle
waren hierher gekommen, zu den grossen Kämpen an der Gürteltierlagune, alle Sippen der
Lengua und ihre Häuptlinge: die vom Hochkamp, die von der Salzschlucht, die aus dem
Busch, die aus der Algarrobogegend. Auch die Chulupí vom grossen Fluss weit im Süden
waren hergezogen. Keine Sippe zog mehr von Ort zu Ort, um die Wasserstellen zu suchen und
dort neue Grashütten zu bauen. Ein jeder hatte seine Hofstelle und seine Hütte, wie die
Lenkos. Der Missionar hatte gesagt, es wäre gut so, und Katkin Awaj war zufrieden.
Vor der Hütte brannte ein Feuer. Der starke
Wind zerrte an den Flammen, und in dem schwarzen Topf rollte das Wasser. Katkin Awaj
schaute neugierig in den Topf. Sakok Kitsik, seine Frau, kochte das Fleisch, das Francisco
gestern von der Schlächterei gebracht hatte. Sakok Kitsik war stolz auf Francisco, ihren
Enkel. Er war in der Schule gewesen und konnte lesen und schreiben. Jetzt hatte er ein
Motorrad und auch ein Radio. Am Sonnabend fuhr er zur Schlächterei und brachte Fleisch.
Nun kochte die Suppe in dem gusseisernen Topf, und seine Frau hatte Kürbisse
feingeschnitten und dazugetan. Wenn es regnete, wuchsen die Kürbisse, so wie damals bei
den Grashütten, als sie noch keine Pferde hatten und keine Zäune brauchten.
Sakok Kitsik lachte lustig, als Katkin Awaj
an das Feuer kam und den Duft der Fleischsuppe wahrnahm. Sie lachte immer und schwatzte
fröhlich mit ihrer Tochter, mit ihrem Enkel und mit ihrem Mann. Deshalb nannten sie alle
immer noch Sakok Kitsik, das kleine Mädchen, obzwar ihr dünnes Haar in grauen Strähnen
hing und ihre Haut schlaff und faltig war wie bei einem Leguan. So hatte Sakok Kitsik
damals gelacht, als sie sich für das Fest die Wangen rot gefärbt hatte, als junges
Mädchen, und so lacht sie heute, wenn sie die mageren Pferde aus dem Süsskartoffelfeld
trieb.
Katkin Awaj trat in die Hütte. Dort sass
Kajaik Lhayi auf dem Fell eines Spiesshirsches, alt und mürrisch und borstig und immer
unzufrieden. Seine Frau war am Husten gestorben. Immer magerer war sie geworden, und dann
konnte sie nicht mehr aufstehen. Viele starben am Husten. Nun sass er alleine in dieser
Hütte, weil Sakok Kitsik seine Halbschwester war. Er kam selten heraus, denn das Gehen
fiel ihm schwer. Wenn der Nordsturm ihm den Sand in sein pockennarbiges Gesicht warf,
schlug er mit seinem Stock nach dem bösen Geist. Sie nannten ihn Kajaik Lhayi, der, der
seinen Vater ermordete. Das war lange, lange her.
Kajaik Lhayi war der beste Jäger gewesen,
gross und stark. Sogar den Tapir hatte er mit dem Pfeil getötet, so konnte er den Bogen
spannen, und den Jaguar hatte er vom Baum getötet. Er hatte sich dabei auf den Rücken
gelegt, beide Füsse gegen den Bogen gestemmt und mit beiden Händen die Sehne gespannt.
Grosser Jäger hatten sie ihm damals genannt. Dann hatte er seinen Vater ermordet, auf dem
grossen Fest. Er war wild geworden, hatte getobt und geschrien in seiner Trunkenheit, und
als sie ihn festhalten wollten, hatte er seinem Vater einen Pfeil in den Leib geschossen.
Niemand wurde sonst wild in der Trunkenheit auf den Festen. Da hatten sie den grossen
Jäger Kajaik Lhayi genannt, den Vatermörder. Nun war er alt, mürrisch und unzufrieden
geworden.
"Du kommst nie in die Kirche, Kajaik
Lhayi," sagte Katkin Awaj, "Es ist gut dort. Die jungen Leute singen und machen
Musik, und Kintem erzählt von Jesus, dem guten Mann, der niemals böse wurde."
"Ich mag die Mission nicht! Ich mag
dieses Leben nicht! Warum trinken wir kein Algarrobobier mehr, warum feien wir nicht mehr
Caya, warum tanzen die Männer nicht mehr wie früher mit dem Federschmuck, mit Trommeln
und mit Rasseln? Unsere Kämpe sind gepflügt, unser Busch ist gerodet. Kein Tapir kommt
an die Wasserstelle."
"Kintem sagt, das Rauchen ist nicht gut,
und das Trinken ist nicht gut, und das Tanzen ist nicht gut. Er sagt, Jesus war ein guter
Mann, Jesus wurde niemals böse."
"Ach, Jesus ist so weit," sagte
Kajaik Lhayi und schaute durch das Dreieck des offenen Giebels, "weiter als die
Wolken und weiter als die Flugzeuge. Wir trinken kein Bier mehr, und deshalb regnet es
nicht. Wir tanzen nicht mehr, und deshalb finden wir keine Hirsche und keine Pekaris im
Busch, und der Tapir kommt nicht mehr zur Wasserstelle."
Katkin Awaj schwieg und lächelte. Er wurde
nie böse, blinzelte aus seinen kleinen Augen und liess Kajaik Lhayi schimpfen.
Da kam Sakok Kitsik herein, lachte und
stellte den Topf mit der Brühe auf den Fussboden vor die Männer. Auch Francisco kam
dazu. Katkin Awaj verteilte das Fleisch an alle zu gleichen Teilen. Er selbst behielt das
kleinste Stück. Dann löffelten sie reihum die Brühe aus dem Topf.
Nach dem Essen legte Katkin Awaj sich auf die
Bettstelle, die vor der Hütte unter dem Algarrobo stand. Draussen im Schatten war es
angenehmer als in der Hütte. Auch Francisco kam heraus und legte sich in die Hängematte,
das Radio auf den Knien. Francisco verdiente Geld. Er arbeitete im Laden, und so konnte er
Batterien für sein Radio und Benzin für das Motorrad kaufen und manchmal brachte
er Fleisch mit.
Franciscos Hängematte schaukelte nach dem
Rhythmus der Musik im Radio, und Katkin Awajs Gedanken verloren sich in alte Zeiten. Auch
er hatte seinen Vater erschlagen, damals auf der Wanderung, als sie Wasser suchten und die
Durststrecken für die Alten zu lang wurden. Mit einer Keule hatte er ihm den Schädel
eingeschlagen, und dann war die Sippe weitergezogen.
Doch sie hatten ihn nicht Kajaik Lhayi
genannt, wie den Grossen Jäger. Katkin Awaj war er geblieben, auch als sie keine Feste
mehr feierten. Den roten Federschmuck hatte er dem guten Missionar geschenkt, damals unter
dem Flaschenbaum bei den Grashütten.
Katkin Awaj schlief ein, und der warme Wind
kräuselte den Sand vor seiner Bettstelle, so dass eine kleine Düne entstand.
(Ende) |
Tante Lila
(Tía Lila) von Daniel Moyano
gekürzt von Ricardo aus: Erzählungen
aus Spanisch Amerika: Argentinien, dtv
Kinder, heute fahren wir nach Cosquín und
besuchen den Onkel Emilio. Benehmt euch anständig, nehmt nicht die Schleudern mit,
erschlagt keine Schmetterlinge und stellt den Stieglitzen keine Fallen. Seid nett zu Onkel
Emilio, der so lieb ist und euch Ziegenmilch geben wird, Griebenbrot und Honig aus seinen
Waben. Passt gut auf, meine Lieben, seid artig und vorsichtig in dem Haus des lieben,
schönen Onkel Emilio. Auf keinen Fall Vögel fangen und ihnen Nadeln in die Augen
stecken, bedenkt, dass Gott euch dafür strafen und für immer erblinden lassen kann.
Lernt von Onkel Emilio, der so gut ist, weil er niemals Vögel getötet noch ihnen die
Augen mit Dornen ausgepickt hat. Darum ist es besser, sich anständig zu benehmen und
Brunnenkresse und Pfefferminze, chañar und piquillín für Onkel Emilio zu
suchen. Und selbstverständlich seinen Segen zu erbitten, ja nicht vergessen! Können wir
nicht den Ball mitnehmen? Nein, bitte nicht, sagt Tante Lila, denn dann spielt und
schreit ihr zu viel, das Geschrei regt Onkel Emilio auf, und ausserdem verscheucht es
seine Bienen.
Gott segne euch, meine Lieben, sagt Onkel Emilio und
berührt unseren Kopf. Und jetzt kommt mal mit, meine Blumen anschauen, meine Waben, mein
Zicklein, meine Melonen, meine Käfige mit Stieglitzen, meine Margeritenbeete und meine
Spierenstaude. Nein, danke, Onkel Emilio, wir wollen ein bisschen auf den Fussballplatz.
Gut, Kinder, geht mit Gott, aber spielt nicht mit den Schwarzen, streitet euch nicht und
beschimpft euch nicht. Nein, Onkel Emilio, auf keinen Fall, denn Gott ist überall und
sieht uns jederzeit, und er wird von dort kommen, um über die Lebenden und die Toten zu
richten.
Auf dem Fussballplatz winken wir den schwarzen
Kindern in den Hütten, und die kommen hergeeilt wie Fliegenschwärme. He ihr, habt ihr
keinen Ball? Wir können ein Spielchen machen. Die und einen Ball haben! Aber sie werfen
uns Blicke zu, das wir nach unten schauen. Und da auf dem Boden sehen wir einen Haufen
Frösche, die aus dem Bach gekommen sind, um Insekten zu suchen, und nun auf dem kleinen
Fussballplatz herumspringen.
Schön daran ist, dass der Ball mithilft: er springt
von selbst. Ein schön federnder Ball für gute Flugbälle. Schlecht ist, dass man den
Frosch wechseln muss. Manchmal halten dich die anderen mitten im Angriff auf und sagen:
Du, dieser Ball gilt nicht, siehst du nicht, wie der Ärmste aussieht? Jetzt soll dieser
hier der Ball sein. Und dann streiten wir uns heftig und schreien. Kinder, um Gottes
willen, was macht ihr denn da auf dem Fussballplatz, tönt Tante Lilas Stimme.
... Da kommt ein hoher Pass von Titilo. Ein
kleiner Schwarzer stürmt und beabsichtigt einen Kopfstoss, doch im letzten Augenblick
erinnert er sich an die Beschaffenheit des Balles und nimmt ihn mit der Brust, lässt ihn
nicht auf die Erde kommen, er spielt fabelhaft, der kleine Schwarze, er stoppt den Ball
mit dem Knie, kickt ihn erst leicht mit dem linken Fuss, dann mit dem rechten sehr
kräftig und halb hoch. Ich bleibe fest stehen und halte ihn ohne Schwierigkeiten. Aber
ich lasse ihn gleich wieder los, werfe ihn nach hinten, über den Pfosten, der Ball ist
eisig, einige rufen Ecke. Wie von selbst gehe ich hin, ihn zu holen, da ertönt Titilos
Stimme; er sagt, ich soll ihn lassen, er taugt nicht mehr. Und da kommt von der Ecke der
andere Frosch im hohen Bogen heran, mit geöffneten Beinen, der Bauch schimmert weisslich,
wie er vor dem Tor vorbeisaust...
Kinder, macht euch nicht schmutzig, sagt Tante Lila
unter der Magnolie. Und kommt jetzt bald mal her, denn wir werden alle zusammen für Onkel
Jacinto beten, der gestorben ist, der Ärmste.
Wir wollen nicht beten und wollen auch nicht, dass
man uns noch einmal die Geschichte von Onkel Jacinto erzählt. Wir haben ihn schon
vergessen. Wir wissen, dass er einen Schnurrbart hatte und einen breitkrempigen Hut trug,
weil man ihn so auf dem Bild an der Wand sieht.
Zum Autor:
Daniel Moyano, geboren 1930 in Buenos
Aires, gestorben 1992 in Madrid, hat viele Jahre seines Lebens im Innern des Landes
gelebt. Früh verwaist hat er seine Kindheit bei Onkeln und Tanten in Córdoba verbracht.
Hier hat er studiert, hier wurde er in Musik ausgebildet. In La Rioja war er als
Journalist tätig und als Musiklehrer am Konservatorium, auch als Geiger im
Kammerorchester. Seine Kurzgeschichten sind häufig von Kindheitserinnerungen bestimmt,
wie auch von der damaligen politischen Lage: es war die Zeit der Militärdiktatur. 1976
war er einige Wochen inhaftiert, danach ging er mit seiner Familie nach Spanien, wo er bis
zu seinem Tod lebte. Er hat an die hundert Kurzgeschichten geschrieben, die ebenso
wie die Romane teilweise in andere Sprachen übersetzt wurden. |
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Aus
dem Roman "Der Marsch ins Reich der Coaba"
von B. Traven
Gefährliche Geschichten ...
... An den Lagerfeuern auf Reisen durch den
Dschungel wurden meist solche Erzählungen vermieden. Sie wurden vielleicht gelegentlich
erwähnt, aber jeder beeilte sich, rasch auf eine andere Geschichte zu kommen, die sich
zugetragen hatte in Gegenden, die weiter entfernt lagen, und unter Umständen, die denen
nicht so sehr ähnlich waren, unter denen sich die Männer, die am Feuer sassen, gerade
befanden.
Wurden diese Geschichten an den Lagerfeuern im
Dschungel erzählt, gleichfalls jene zahlreichen Geschichten, in denen Tiger Kinder und
schlafende Erwachsene nachts vom erloschenen Lagerfeuer weggeschleppt hatten, so
berichteten die Erzähler die Geschichten klar und eindeutig, wie sie sich wirklich
zugetragen hatten. Hier schwindelte niemand, und jeder vermied es sorgfältig zu
übertreiben.
Wenn aber jene Geschichten in den Ranchohäusern
oder den Herrenhäusern der Fincas aufgetischt wurden, dann erlebten die Ereignisse eine
Erweiterung zu ihren Gunsten. Sie wurden ausgeschmückt, aufgeblasen, geschminkt und
bemalt in einer Weise, dass sich jeder fürchtete, vom Tische aufzustehen und alleine in
den Garten zu gehen, um seine persönlichen Angelegenheiten zu ordnen.
.....
Am ersten Tag im Dschungel heiterte sich die
Stimmung der Burschen auf. Es war grundlos. Aber auf der Reise durch diese monotonen
Dschungel oder Urwälder wird die Stimmung der Menschen, ob Indianer oder Nichtindianer,
beeinflusst von Dingen, die man in ihrer Eigenschaft als Einflussursache nicht wahrnimmt.
Den einen Tag ist man fröhlich, und man weiss nicht warum; am nächsten Tag ist man
sterbenstraurig, und man weiss nicht warum. Am Morgen ist man missmutig, am Mittag
gleichgültig, am Nachmittag verärgert, am Abend gelangweilt. Den einen Tag möchte man
die Welt erobern, am nächsten lästert man Gott von früh bis spät und heult ihn an,
warum er Moskitos, Zecken, Beissfliegen, Flöhe, Spinnen, Sümpfe, Stacheln, Dornen,
ätzende Pflanzensäfte, Steingeröll, stürzende Bäume und nicht eine einzige essbare
Frucht auf tagelangen Wegen schuf.
Diese Stimmungen mögen abhängen von
Temperaturschwankungen, von der heissen Feuchtigkeit und der dunklen Schwere unter dem
dichten Laub, von wechselndem Luftdruck, von der unbeschreiblichen Eintönigkeit der
Nahrung, von dem Stich oder dem Biss gewisser Insekten und von zehntausend anderen Dingen.
Zum Autor:
(Kindlers Neues Literatur Lexikon)
B. Traven war zeitlebens um die Verhüllung seiner Identität
bemüht. Heute darf als gesichert gelten, dass Traven identisch ist mit dem Münchner
Revolutionär Ret Marut, der von 1917 an die anarchistische Zeitschrift "Der
Ziegelbrenner" herausgab, aktiv an der Münchner Räterepublik beteiligt war und sich
nach deren Zusammenbruch nur durch Flucht vor der Hinrichtung retten konnte, um 1924 unter
dem Namen B. Traven in Mexiko aufzutauchen.
Der literarische Stellenwert seiner Werke ist
unbestritten; Travens Romane erzählen lakonisch und ohne moralische Anklage von
Ausbeutung und Gewalt in der kapitalistischen Welt. Schauplätze sind Randbereiche dieser
Zivilisationsform, der Dschungel, die mexikanische Sierra, die Handelsschiffe.
(Ricardo) Ich bin durch einen Arbeitskollegen auf den
Schriftsteller Traven gestossen. Als erstes hat er mir "Das Totenschiff"
ausgeliehen. Mit diesem Werk bin ich total auf Traven abgefahren. Leider ist dieser
Dichter momentan (ich betone momentan) nicht sehr in Mode, so dass bereits einige
Werke vergriffen sind. Ich bin überzeugt, dass irgendwann Traven wieder mehr an
Popularität gewinnen wird. Seine Werke zeugen von einem klaren Verstand und seine, mit
Ironie gezuckerte Schreibweise fasziniert mich immer wieder.
Werke:
"Trozas", "Das Totenschiff",
"Die Weisse Rose", "Der Marsch ins Reich der Coaba", "Die
Rebellion der Gehenkten", "Ein General kommt aus dem Dschungel",
"Aslan Norval" und diverse Erzählungen wie "Der Banditendoktor"
gesammelt in Meistererzählungen. |